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Bildverlust in der Wissensgesellschaft

Das mehrjährige Projekt "Bildverlust in der Wissensgesellschaft" wurde mit der Buchvernissage vom 8. März erfolgreich abgeschlossen. Allen Beteiligten sei nochmals herzlich für ihre Mitarbeit gedankt!

Bild

Machtwechsel der Bilder
Bild und Bildverstehen im Wandel

Bilder, die etwas Externes darstellen, die «heteronomen» Bilder, haben die Macht über und durch die Medien ergriffen; die «autonomen» Bilder – diejenigen, die nur auf sich selbst zeigen – sind ghettoisiert. Die Opposition zwischen Bildern als «Operatoren der Sichtbarkeit» und Bildern, die «durch sich selbst existieren» (Jean Baudrillard), steuert die Bildwahrnehmung in unserer Gesellschaft. Die Operatoren der Sichtbarkeit sind in der Offensive. Sie heben die Distanz zwischen dem Betrachter und der Wirklichkeit scheinbar auf und legitimieren sich durch den Anspruch, die Realität zu repräsentieren und den Betrachter zu integrieren. Der Blick auf das Medium Bild wird dadurch manipuliert. Die «durch sich selbst» existierenden Bilder sind in der Defensive. Sie wirken subversiv. Sie schaffen Distanz und Raum für Kritik. Der Blick des Betrachters wird erweitert und perspektiviert. Das Buch generiert die Frage, ob Bilder, die sich per se der medienkonformen Instrumentalisierung entziehen – Picasso, Klee, Magritte –, zur wirksamen Kritik am effizienten «Totalitarismus der Medien» geeignet sind.

Mit Beiträgen von: Enno Rudolph, Bernd Roeck, Thomas Steinfeld, Dirk Baecker, Ludwig Jäger, Ludger Schwarte, Christoph Hoffmann, Beat Wyss, Dietrich Erben, Martin Seel, Aram Mattioli, Hans-Otto

Bestellung beim Orell Füssli Verlag

Kurzüberblick zum bisherigen Projektverlauf

 http://www.banksy.co.uk/indoors/02.html http://www.banksy.co.uk/indoors/02.html

Aktuell: Bilderflut - Bilderarmut? Tagung am 8. und 9. April 2011
Die Frage nach dem Original ist die Frage nach einem Werk, dessen Bedeutung nicht von einer vorgängigen Wirklichkeit wie von einem übergeordneten Muster abhängig ist. Bilder, die Anspruch auf künstlerische Anerkennung erheben, sind unabhängig von solchen Mustern. Sie sind nicht Bilder von etwas, durch das sie überhaupt erst validiert werden, sie sind sich selbst genug: sie zeigen nicht auf ein von Ihnen verschiedenes Original, sie sind die Originale, sie zeigen auf sich selbst. Die so genannte "Bilderflut", von der wir im Medienzeitalter immer noch zunehmend heimgesucht werden, ist keine Flut von Originalen, - sie ist eine Flut von Abbildern. Kunstbilder bilden schöpferisch, Abbilder bilden nach. Kunstbilder sind autonom, Abbilder sind Instrumente. Die "Bilderflut" verdrängt nicht nur die Bildoriginale - sie sind in den für sie geschaffenen Asylen getthoisiert, den Museen und Ausstellungshallen -, sie täuscht Authentizität durch Visualisierung vor. Die Manipulationsleistung der Bilderflut ist kaum zu überschätzen. Über die politischen Folgen dieses Befundes wurde auf einer früheren Tagung ausführlich diskutiert. In dieser Veranstaltung geht es abschliessend darum, in multidisziplinärer Perspektivik danach zu fragen, was kein Bild ist, und wie sich das Bild, das nicht beansprucht, Wirklichkeiten lediglich zu repräsentieren, sondern neue Wirklichkeiten zu schaffen, der Instrumentalisierung entziehen kann.

Allgemeiner Kontext

Am Kulturwissenschaftlichen Institut der Universität Luzern wird in Kooperation mit der Stiftung Lucerna derzeit ein Projekt zum Thema "Bildverlust in der Wissensgesellschaft" durchgeführt. Dieses längerfristig angelegte Vorhaben wurde am 7./8. März 2008 mit einer Tagung unter dem gleichnamigen Projekttitel eröffnet (Teilnehmer u.a. Viktor Stoichita, Lambert Wiesing, Werner Oechslin, Beat Wyss). Eine weitere und grösser angelegte Tagung fand am 4./5. Dezember 2009 an der Universität Luzern statt, die unter dem Titel "Die politische Macht der Bilder" stand (Teilnehmer u.a. Martin Warnke, Martin Seel, Peter Geimer). Eine Publikation der Ergebnisse beider Tagungen ist gegenwärtig in Planung.

Das gesamte Projekt ist derart strukturiert, dass jeweils im Anschluss an eine grössere Tagungsveranstaltung ein bis zwei Workshops durchgeführt werden, die sich Themen widmen, welche auf der Tagung zwar angesprochen und für wichtig gehalten wurden, die aber aus Zeitgründen nicht hinreichend vertieft werden konnten. Zwei solcher Workshops haben inzwischen in enger Zusammenarbeit mit massgeblichen Referenten der beiden grösseren Tagungen stattgefunden und dem Projekt eine neue Richtung verliehen.

Die Anfangsvermutung des Gesamtprojekts lautet nach wie vor, dass die weit verbreitete Auffassung, die moderne Wissens- und Informationsgesellschaft zeichne sich durch Bilderreichtum aus, auf einer Äquivokation beruht. Piktogramme, Abbilder, figürliche Stenogramme und Photos werden einheitlich unter dem Bildbegriff subsumiert, obwohl sie sich von solchen Bildern, die autonom auf sich und nicht auf ein bildexternes Bildobjekt als deren heteronome Determinanten zeigen, generisch unterscheiden.

Das Projekt will zur Analyse dieser Situation beitragen und den Tendenzen der weiteren Entwicklung nachspüren. Um Therapien geht es dabei ebenso wenig wie um Bewertungen, wohl aber um die begründete Auflistung von Kriterien, die es erlauben, Bilder von "Bildern" zu unterscheiden. Besonderer Wert ist dabei auf eine Auswertung der semantischen Vieldeutigkeit des Bildbegriffes (Bildnis, Wortbild, Bildwort, Weltbild, Bildwelt, Klangbild etc.) zu legen.

Der Arbeitstitel der abschliessenden Tagung lautet " Bilderflut-Bilderarmut?". Es geht uns dabei um eine Intensivierung der Leitfrage des gesamten Projekts. Die bisherigen Veranstaltungen haben gezeigt, dass auch Bildwissenschaftler dazu neigen, alles als Bild zu akzeptieren, was sich Bild nennt oder unter diesem Titel gehandelt wird – von Rembrandts Nachtwache bis zur Autoreklame. Sollte die Semantik des Bildbegriffes diese Spannweite ertragen, so ist dies auch ein Fazit. Falls nicht, müssten die Gründe dafür geeignet sein, die Frage zu beantworten "Was ist kein Bild?" (Peter Geimer). Es scheint jedenfalls auch plausibel zu sein, die These zu vertreten, dass "Bilder" (besser: Abbilder) die Bilder (primär die Kunstbilder) in die Defensive getrieben haben und so zu deren Getthoisierung beitragen. Dieser Befund betrifft nicht nur Bild – und Kunstwissenschaft; er betrifft die Frage der kulturellen  Kosten, die unsere Gesellschaften für den Siegeszug der Visualisierungskommunikation in allen ihren Bereichen zu zahlen bereit ist.

Tagung "Politische Macht der Bilder"
4./5. Dezember 2009

  • Harald Bergmann
  • Prof. Dr. Dietrich Erben
  • Dr. Peter Geimer
  • Prof. Dr. Gerhard Paul
  • Prof. Dr. Rolf Reichardt
  • Prof. Dr. Martin Seel
  • Prof. Dr. Martin Warnke

Workshop "Vom Weltbild zur Bildwelt"
29. Mai 2009

  • Werner Oechslin
  • Ingeborg Reichle
  • Steffen Siegel

Workshop "Sichtbarkeit (des Bildes) – Unsichtbarkeit (im Bild)"
5. Dezember 2008

  • Victor Stoichita
  • Hendrik Ziegler
  • Arno Schubbach

Tagung Bildverlust in der Wissensgesellschaft
7./8. März 2008

  • Prof. Dr. Reinhard Brandt
  • Prof. Dr. Werner Oechslin
  • Prof. Dr. Christiane Schildknecht
  • Prof. Dr. Ludger Schwarte
  • Prof. Dr. Victor Stoichita
  • Prof. Dr. Lambert Wiesing
  • Prof. Dr. Beat Wyss