Das Forschungsprojekt TeNOR − Text und Normativität
Mit dem Frühjahrssemester 2008 hat an der Universität Luzern der neu eingerichtete universitäre Forschungsschwerpunkt «Text und Normativität» begonnen. Auf 5 Jahre angelegt, soll das Projekt die wissenschaftliche Zusammenarbeit der Fakultäten fördern und das Profil der Universität auch nach aussen schärfen. Der Schwerpunkt setzt auf Synergien – und auf das gemeinsame Interesse am interdisziplinären und interfakultären Dialog.
Rembrandt, Aristoteles vor der Büste des Homer (1653)
Für die Kultur- und Sozialwissenschaften, für die Rechtswissenschaften und die Theologie sind Fragen nach dem Zusammenhang von «Text und Normativität» gleichermassen zentral. Rechtstexte, religiöse Dokumente, epochale philosophische und literarische Werke beanspruchen normative Geltung oder erhalten im Laufe ihrer Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte normative Bedeutung: Was unterscheidet normative von nicht-normativen Texten, unter welchen kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen besitzt ein Text normative Geltung, durch welche historischen Prozesse der Kanonisierung und Kodifizierung erlangt ein Text normative Bedeutung? Und was heisst es, umgekehrt, für Normen und vorgängige normative Überzeugungen, dass sie verschriftlicht, in Texten formuliert, kommuniziert und tradiert werden?Der Zusammenhang von Texten und Normen betrifft darüber hinaus die Interpretation und die konkrete Anwendung von Texten. Damit ist eine dritte Norm-Ebene bezeichnet, diejenige der Interpretations- und Anwendungsnormen.
Das Projekt wird zu zeigen haben, wie diese drei Ebenen untereinander wechselwirken, wie sie Texte konstituieren und über die Autorisierung von Texten Gesellschaften prägen bzw. sogar integrieren. Texte generieren, spiegeln und verstetigen Normen, wie andererseits Normen Texte generieren und legitimieren.
Zu den skizzierten Themen und Fragestellungen sind im Projektrahmen u.a. drei international besetzte Tagungen geplant:
- «Spielräume und Grenzen der Interpretation» (9.–12. September 2009)
- «Kanonisierung und Kodifizierung» (16.–18. September 2010)
- «Autorität – Interdisziplinäre Aspekte» (2011/12)
Geplant ist ferner die Erstellung eines Handbuches, in dem historisches und zeitgenössisches Wissen zum Projektthema aus der Sicht der beteiligten Disziplinen versammelt ist. Es soll in Form von Artikeln oder kürzeren Essays eine interdisziplinär angelegte Zusammenstellung einschlägiger Themen und Begriffe bieten. Inhaltlich geht es um die Festlegung auf ein gemeinsames Vokabular («Text», «Textgeschichte», «Textkultur», «Interpretation», «Rezeption», «Kanonisierung», «Regel», «Regelfolgen» etc.) unter sowohl problemgeschichtlichen als auch systematischen Gesichtspunkten.
Dabei soll es nicht nur den aktuellen Forschungsstand in den beteiligten Fächern widerspiegeln, sondern auch als Arbeitsbuch für Studierende geeignet sein.
