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Lehrveranstaltungen von Prof. Dr. Verena Lenzen

Lehrveranstaltungen des aktuellen Semesters

Lehrveranstaltungen früherer Semester

Frühjahrssemester 2010

Hauptvorlesung
Deutsch-jüdische Literatur im 19. und 20. Jahrhundert. Traum vom doppelten Spiegelbild?
Was ist „deutsch-jüdische Literatur“? Am Anfang der Vorlesung steht die Begriffsklärung der kontroversen historischen Interpretationen des Konzeptes einer deutsch-jüdischen Literatur, dessen Erfindung in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts fällt. Es gibt keine einheitliche Vorstellung über die jüdische Identität der deutschsprachigen Literatur jüdischer Autoren und Autorinnen. Beide Adjektive – „jüdisch“ und „deutsch“ – sind mehrdeutig zu verstehen. Die deutsch-jüdische Literatur ist in ihrer interkulturellen Gestalt das Paradigma einer kosmopoli-tischen Literatur in Europa.
Grundlegende Fragen stellen sich: Wie ist der Begriff „deutsch-jüdische Literatur“ ohne jeden ideologischen Unterton zu definieren? Wie in seiner interkulturellen Vielfalt zu differenzieren?
An diese kritische Reflexion des Begriffs schliesst sich ein literaturgeschichtlicher Überblick über die deutsch-jüdische Literatur im 19. und 20. Jahrhundert an. Bestimmte Autoren und Autorinnen werden ausgewählt und dargestellt, nicht einfach weil sie jüdischer Herkunft sind oder weil sie jüdische Stoffe thematisieren, sondern unter dem Aspekt, wie sie auf ihre Wei-se und auf jeweils unterschiedliche Weise an der jüdischen Selbstbestimmung der Moderne teilgenommen haben (Heinrich Heine, Jakob Wassermann, Arthur Schnitzler, Arnold Zweig, Max Brod, Franz Kafka, Stefan Zweig, Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler, Jo-seph Roth, Alfred Wolfenstein).
Abschliessend wird erörtert, wie der katastrophale Bruch der Shoah jüdisches Schreiben in deutscher Sprache nach 1945 verändert hat (Paul Celan, Nelly Sachs, Rose Ausländer, Wolfgang Hildesheimer, Jurek Becker bis hin zur jüngeren, „zweiten Generation“, z. B. Bar-bara Honigmann, Doron Rabinovici).

Hauptseminar
Mose: Prophet, Lehrer und Befreier. Seine religiöse und kulturelle Bedeutung in Judentum und Christentum
In der Thora zeigt sich eine Entwicklung der Mose-Vorstellungen vom Jahwe-Boten, charismatisch-politischen Volksführer, Wundertäter, Propheten und Gesetzgeber bis zum Offenbarungsmittler und Gesprächspartner Gottes. Das Bild, das die Rabbinen im talmudischen Schrifttum von Mose zeichnen, ist vielfältig. Er ist „Mosche rabbenu“, unser Rabbi, Meister und Lehrer, der Thoralehrer Israels schlechthin, der nicht nur die Zehn Gebote brachte, son-dern die gesamte, mündliche wie schriftliche Lehre; er ist Mittler zwischen Gott und Mensch und der „Vater der Propheten“. Das neuzeitliche Judentum verehrte Mose als Religionsstifter, Begründer des „mosaischen Glaubens“ und religiöses Leitbild für den klassischen Zionismus. Für Theodor Herzl wie für Sigmund Freud wurde Moses zur zentralen Figur im Ringen um ihre jüdische Identität. Mit der Faszination des Mose und der Problematik des Bilderverbots setzte sich Arnold Schönberg in seiner Oper „Moses und Aron“ auseinander. Das Seminar behandelt die Wirkung der Mose-Gestalt in der jüdischen Religions- und Kulturgeschichte sowie ihre Bedeutung für das Christentum und beleuchtet verschiedene Mose-Bilder in den jüdischen und christlichen Schrifttraditionen, im Zionismus, in der Musik, Malerei und Bildhauerei, in der Psychoanalyse und der Filmgeschichte.

Hauptseminar
Walter Benjamin (1892 - 1940): Seine "Philosophie des Judentums" Walter Benjamin, der aus einer weitgehend assimilierten jüdischen Berliner Familie stammte, wurde durch den Ersten Weltkrieg mit dem Zionismus konfrontiert, der für ihn, den nicht praktizierenden, doch theologisch inspirierten Juden, zeitlebens eine Herausforderung blieb. 1916 entstand seine romantisch-kabbalistisch beeinflusste, sprachphilosophische Arbeit „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“. 1921 folgte das „Theologisch-politische Fragment“, in dem er eine Geschichtsphilosophie im Spannungsfeld von profanem Glücksstreben und messianischer Erlösungssehnsucht entwarf. 1925 datiert seine Habilitati-onsschrift „Ursprung des deutschen Trauerspiels“. 1933 floh Benjamin vor der nationalsozialistischen Verfolgung ins Ausland. In jenen Jahren verfasste er die „Berliner Kindheit um Neunzehnhundert“, den Baudelaire-Aufsatz und das umfangreiche Fragment über die Pariser Passagen. 1940 entwarf er die „Thesen über den Begriff der Geschichte“. Die hier konzipierte pessimistische Geschichtsphilosophie lässt nur noch den Ausweg einer messianischen Revolution der Unterdrückten um der Toten willen. Benjamin selber sprach von seiner „Philosophie des Judentums“, die sich als Kritische Philosophie mit universaler Geltung versteht, ohne dabei das Spezifische des Jüdischen preiszugeben. Im Mittelpunkt des Seminars steht die Frage, wie die Dimension des Jüdischen in Benjamins Leben und in seinen Schriften zum Ausdruck kommt, im Blick auf seine Biographie, seine Hermeneutik, sein Verhältnis zu Franz Kafka, Karl Kraus, Hermann Cohen, Franz Rosenzweig, Gershom Scholem, seine Idee des Literaten, seine Vorstellungen von Sprache, Geschichte, Zeitlichkeit, Erlösung, Hoffnung, Messianismus, Eingedenken und Tradition.

Lektürekurs
W. G. Sebald (1944 - 2001): "Austerlitz". Geschichte eines jüdischen Flüchtlings und Heimatlosen
W. G. Sebald (1944-2001), deutscher Literaturwissenschaftler an der Universität Norwich, war ein Sprachvirtuose, Erinnerungskünstler und literarischer Maler, ein Zeuge der Auswanderer und ein Gratwanderer zwischen Autorenschaft und Literaturwissenschaft, ein einfühlsamer Chronist der zerstörerischen europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. In sei-nem Roman „Austerlitz“ verfolgt Sebald die Geschichte eines Entwurzelten, der keine Heimat mehr finden kann. Jacques Austerlitz, der rätselhafte Fremde und schwermütige Wanderer, ist in den vierziger Jahren als jüdisches Flüchtlingskind nach Wales gekommen. Er wächst bei einem Prediger und seiner Frau heran, und als er nach vielen Jahren seine wahre Herkunft erfährt, weiss er, warum er sich als Fremder unter den Menschen fühlt. Wenn Sebald sich den Lebens- und Leidensgeschichten von aus der europäischen Heimat vertriebenen Juden zuwendet, erzählt er auch von seinem Schmerz über das Schicksal dieser Menschen und von seiner Trauer und Untröstlichkeit über die Vergangenheit.

Herbstsemester 2009

Hauptvorlesung
Die Beziehungen zwischen Judentum und Christentum im Wandel der Zeit: Historische Einschnitte, theologische Fortschritte und Rückschritte.
Die Vorlesung behandelt das wechsel- und spannungsvolle Verhältnis zwischen Judentum und Christentum von der Antike bis zur Gegenwart aus religions- und kulturgeschichtlicher Sicht. Die wesentlichen historischen Epochen und Etappen in den jüdisch-christlichen Beziehungen werden skizziert: die antijüdische Polemik der Kirchenväter, die rabbinische Abgrenzung vom Christentum, die Judenverfolgungen während der Kreuzzüge und die judenfeindlichen Beschuldigungen von Ritualmord, Hostienfrevel und Brunnenvergiftung im Spätmittelalter, das "Goldene Zeitalter" des sephardischen Judentums in Spanien bis zur Vertreibung der Juden und Jüdinnen aus ganz Spanien 1492, das Enstehen einer christlichen Hebraistik und Kabbalistik, Aufklärung, Emanzipation, Assimilation und jüdisch-christliche Religiongsgespräche in Neuzeit und Moderne. Zur radikalen Frage und unausweichlichen Herausforderung für eine kirchliche Neubesinnung im Verhältnis zum jüdischen Volk wird die Shoah und die Rolle der christlichen Kirchen im Nationalsozialismus. Neben dem jeweilen Epochenabriss werden zentrale Gestalten dieser konfliktreichen Beziehungsgeschichte zwischen Faszination und Aversion porträtiert. Zudem werden theologische Grundlagen des interreligiösen Austauschs analysiert; Unterschiede wie Gemeinsamkeiten der beiden Geschwisterreligionen benannt. Die Fortschritte in der Verständigung in der jüdisch-christlichen Dialogbewegung nach 1945 und im Umfeld des 2. Vatikanums werden vermittelt. Neben positiven Traditionen und Zeugnissen einer echten Begegnung der beiden Glaubensweisen werden zugleich Rückschritte im jüdisch-katholischen Gespräch und aktuelle Zeichen der "Vergegnung" kritisch benannt.

Hauptseminar
Auschwitz als Zivilisationsbruch. Der Einfluss der Shoah auf Denken, Glauben und Schreiben im Judentum
Das Seminar behandelt das Thema "Auschwitz als Zivilisationsbruch" aus theologischer, philosophischer und literarischer Perspektive des Judentums. Vor allem in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde in den USA eine jüdische Holocaust-Theologie entwickelt, die - wie bereits erste deutschsprachige Versuche in der Jahrhundertmitte (Margarete Susman,1946; Schalom Ben-Chorin, 1956) - um religiöse Antworten auf die Theodizeefrage nach Auschwitz rang (Ignaz Maybaum, Eliezer Berkovits, Hans Jonas, Richard L. Rubenstein, Emil L. Fackenheim, Michael Wyschograd u.a.). Ein grosser Teil dieser theologischen Entwürfe knüpft an traditionelle Denkmuster und bibelgeschichtliche Sinnmodelle an.
In der Sprachtheorie und in der Dichtung vieler jüdischer Autoren und Autorinnen wurde der Holocaust als Kontinuitätsbruch, Zäsur und "Atemwende" verstanden. Ausgehend von Adornos Kulturkritik und der Diskussion seines "Lyrik-Verdikts" werden verschiedene literaturwissenschaftliche Theorien und literarische Zeugnisse untersucht, u. a. George Steiner, Georgio Agamben, Primo Levy, Nelly Sachs, Paul Celan, Rose Ausländer.
Beispiele aus der jüdischen Philosophie, Theologie und Dichtung der letzten sechzig Jahre werden unter dem Datum "nach Auschwitz" reflektiert.

Masterseminar
Franz Rosenzweig (1886 - 1929): „Der Stern der Erlösung“
Franz Rosenzweig (1886-1929) wirkte als Philosoph, Historiker, jüdischer Erwachsenebildner und Übersetzer. Im Mittelpunkt des Masterseminars steht sein religionsphilosophisches Hauptwerk "Der Stern der Erlösung" (1921), dessen Grundzüge er auf Feldpostkarten als deutscher Soldat während des Ersten Weltkrieges an der mazedonischen Front entwarf.
In die Entstehungszeit dieses Buches fällt Rosenzweigs Briefwechsel mit Eugen Rosenstock und dessen Frau, Margrit (Gritli) Rosenstock, zu der Rosenzweig seit Anfang 1918 in einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung und im regen Briefwechsel stand. "Der Stern der Erlösung" soll in seiner Entstehungsgeschichte und im Kontext von Rosenzweigs persönlichen Beziehungen zu Eugen und Margrit Rosenstock untersucht werden.

Lektürekurs
Ein Bindestrich - Zwischen "Jüdischem" und "Christlichem": Jean-François Lyotard und Eberhard Gruber
Jean-François Lyotard (1924-1998) ist in seiner Philosophie deutlich von jüdischen Denktraditionen geprägt, so in seiner Ästhetik des Undarstellbaren, in seiner Frage nach den Spuren des Absoluten im Buchstaben der Thora, nach dem Namen als Darstellung des Namenlosen, in der Haltung der Empfänglichkeit für die Stimme Gottes und im Hören auf den Anspruch des Gesetzes.
Im Dialog mit Gruber führt Lyotard das gegenwärtige Denken der Philosophie auf die Bindung zurück, die sich das Abendland grundlegend und emanzipativ zuschreibt: den Ausgang des Christlichen vom Jüdischen. Lässt sich diese Emanzipation überhaupt rechtfertigen? Hat sie überhaupt stattgefunden? Was war, gerade im Hinblick auf die Shoah, ihr Preis? - Der Bindestrich zwischen "Jüdischem" und "Christlichem" im Ausdruck "jüdisch-christlich" suggeriert, so die Autoren, eine Vereinigung, die so nicht besteht. Das Problem ist vielmehr die Auf- und Rückstufung, die das "Christliche" gegenüber dem "Jüdischen" behauptet. Lyotard und Gruber interessiert die Revidierbarkeit solchen Auf- und Rückstufens.
Im Mittelpunkt des Kurses steht die gemeinsame Lektüre und Diskussion des Buches "Ein Bindestrich - zwischen ´Jüdischem´ und ´Christlichem´ ".


Herbstsemester 2008

Hauptvorlesung
Mirjams Töchter: Jüdische Frauen in Neuzeit und Moderne. Zwischen Traditionen, Integration, Assimilation und Emanzipation

Auf ihrer Suche als Frau- und Jüdin-Sein haben Jüdinnen oft ihre gesellschaftliche Existenz als Minderheit in einer Minderheit erfahren. Wie das Ringen um jüdische Gleichberechtigung und das Streben nach Frauen-Emanzipation in Neuzeit und Moderne verbunden sind, wird an Hand verschiedener Beispiele vom 17. bis 20. Jahrhundert verdeutlicht. Auch die Zusammenhänge zwischen Antisemitismus und Antifeminismus werden aufgezeigt, wie sie sich exemplarisch im wissenschaftlichen Werdegang von Edith Stein (1891-1942) spiegeln. So hatte Prof. Misch in Göttingen 1919 an Husserl geschrieben: Gegen Frl. Stein steht - ausser dem Bedenken, das wie in Freiburg auch hier besteht bei dem gegenwärtig noch vorhandenen Überwiegen von Philosophie-Dozenten jüdischer Abstammung – die Schwierigkeit, eine weibliche Habilitation durchzusetzen. Die Aufbrüche jüdischer Frauen-Emanzipation, beginnend mit der Kauffrau Glückel von Hameln (1645-1724) und jüdischen Schriftstellerinnen wie Fanny Lewald-Stahr (1811-1889) bis hin zu Frauenrechtlerinnen wie Bertha Pappenheim (1859-1936) und der Rabbinerin Regina Jonas (1902-1944) stehen im Mittelpunkt der Vorlesung, die abschliessend zeitgenössische Ansätze von Frauenforschung und Feminismus im Judentum skizziert.

Hauptseminar
Geschichte und Geschichten des Chassidismus. Von Wunderrabbis, Federmenschen und Luftreisen

Der osteuropäische Chassidismus, der sich seit Mitte des 18. Jahrhunderts im Gegenzug zur Aufklärung in Westeuropa entfaltete, war eine Erweckungsbewegung, geprägt von mystischer Laienfrömmigkeit. Er trug zur Sonderentwicklung des polnisch-russischen Judentums bei und bildete eine Rebellion der armen Massen gegen das gelehrte Rabbinertum. Als Begründer gilt der esoterische Heilkünstler und Wundertäter Israel ben Elieser (Baal Schem Tob, 1700-1760), der zum charimatischen Führer für niedere und ungelehrte Volksschichten wurde. Grosse chassidische Leitfiguren der Frömmigkeit und Gerechtigkeit (Rebben, Zaddikim, Chassidim) waren u.a. der «grosse Maggid» Dov Bär aus Meseritz (1703-1772) und Rabbi Nachman von Bratzlaw (1772-1811). Seine geistige und religiöse Kraft bezieht der Chassidismus aus der Lurianischen Kabbala, die er popularisierte. Die jüdische Tradition wird mystisch gedeutet. Im Mittelpunkt der chassidischen Weltanschauung und Lebensweise stehen Gottnähe, Nächstenliebe, Demut, Askese und Ekstase, Ausstrahlung von Freude, Fröhlichkeit und Lebenslust, Verbundenheit mit der Schöpfung und Heiligung des Alltags durch Trinken und Essen.
Das Seminar behandelt Geschichte, Glaubensgut, Spiritualität, Erzählkultur und Lebensweise der Chassidim. Die grossen Gestalten und die Geschichten, Legenden und Anekdoten über Wunderrabbis, Federmenschen und Luftreisen werden vorgestellt und in den verschiedenen Überlieferungen von Chajim Bloch, Martin Buber u.a. verglichen.

Masterseminar
Gershom Scholem (1897 - 1982): Leben und Werk

Gershom Scholem wurde 1897 in einer jüdisch assimilierten Familie in Berlin geboren und emigrierte 1923 seinem zionistischen Programm folgend nach Jerusalem, wo er 1933 zum Professor für jüdische Mystik und Kabbala ernannt wurde. In seinen autobiographischen Schriften schildert er seinen Lebensweg von Berlin nach Jerusalem und seine tiefe geistige Freundschaft mit Walter Benjamin. Gershom Scholems schillernde Persönlichkeit und sein vielschichtiges Werk hat die jüdische Geistesgeschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark geprägt. Scholem war Mathematiker, Philosoph, ein Sympathisant von Ketzern wie Sabbatai Zwi, Kritiker der deutsch-jüdischen Kultursymbiose und vor allem Begründer der jüdischen Mystik-Forschung als wissenschaftlicher Disziplin. Das Seminar widmet sich den biographischen Stationen seines Lebens und dem Facettenreichtum seines Werks.

Lektürekurs
Jüdisches Denken in Frankreich

Im Mittelpunkt stehen die jüdischen Philosophen Emmanuel Levinias (1906-1995) und Edmond Jabès (1912-1991). Die Werke beider Denker werden im Rahmen der jüdischen Geschichte und der zeitgenössischen jüdischen Kultur in Frankreich gesichtet. Vor allem werden sie als moderne Fortsetzter der jüdischen Religionsphilosophie wahrgenommen, so dass ihr Denken auch in der Distanz zur europäischen Philosophie erscheint. Jabès´ Schriften lassen sich lesen als Kabbala auf Französisch, und Einflüsse der talmudischen Tradition zeigen sich in seinen wie in Levinas´ Büchern. Die Werke dieser Autoren tragen beide das Gedächtnis an die Shoa und die Suche nach jüdischer Identität in sich. Ihr Denken kreist um die Verantwortung und die Hinwendung zum Anderen und zum Fremden. Judentum erschliesst sich hier als unendliche Lektüre des Judentums und als unerschütterlicher Glaube an das Leben und an den Menschen. Auch Schriften von Jacques Derrida und Jean-François Lyotard werden berücksichtigt.







Herbstsemester 2007

Hauptvorlesung
Dialogisches Denken im Judentum des 20. Jahrhunderts: Leben als Begegnung

«Alles wirkliche Leben ist Begegnung», schrieb Martin Buber in seiner philosophischen Programmschrift «Ich und Du» (1923). Ein Grundzug des zeitgenössischen jüdischen Denkens ist die Ausrichtung auf das Dialogische, das mal als Du, dann als der Andere oder als der Fremde erscheint. Es geht um die Verantwortung für den Anderen und damit verbunden um die Erfahrung meiner Einzigartigkeit. Somit tritt im 20. Jahrhundert wieder das Dialogische als Grundzug des jüdischen Denkens hervor. Vor allem die Hebräische Bibel erweist sich sowohl in ihrem Inhalt als auch in ihrem Aussagegehalt als eine Quelle des Dialogischen. Auch der Chassidismus ist auf das Zwiegespräch und ein Ethos der Nächstenliebe ausgerichtet. In der Vorlesung wird diesen Einflüssen auf jüdische Philosophen wie Martin Buber, Franz Rosenzweig, Abraham Joshua Heschel, Emmanuel Levinas, Hans Jonas u. a. nachgegangen.


Hauptseminar
Von Judas Iskariot, Sabbatai Zwi bis Aimé Pallière. Aussenseiter der jüdischen Geschichte

Das Seminar befasst sich mit «Aussenseitern» der jüdischen Geschichte und Gestalten, die eher einen peripheren oder exzentrischen Platz im Judentum einnahmen. Da ist zum Beispiel Judas Iskariot, der zu einer Ursprungsfigur des Antisemitismus wurde. Sabbatai Zwi proklamierte sich im 17. Jahrhundert öffentlich zum Messias und konvertierte letztlich zum Islam. Aber auch weniger bekannte Persönlichkeiten im 20. Jahrhundert werden vorgestellt: Oskar Goldberg war ein völliger «Outsider» des Judentums und zugleich einer der originellsten Denker der ersten Jahrhunderthälfte; Rosenzweig urteilte über ihn: «Gute exegetische Kerne in einer Schale von Wahnsinn». Oder Aimé Pallière, der zum Judentum übertreten wollte und schliesslich versuchte, als erster bewusster Noachide im Sinne des Talmud den ethischen Monotheismus des Judentums zu verwirklichen. Auf diese Weise wird jüdische Geschichte einmal von den Rändern her beleuchtet.




Sommersemester 2007

Hauptvorlesung
Die Erfahrung der Fremde. Jüdische Philosophie, Literatur und Kunst im 20. Jahrhundert

Die Erfahrung von Fremde, Exil und Diaspora durchzieht die gesamte jüdische Geschichte von der Gefangenschaft in Ägypten über das babylonische Exil bis hinein in die Gegenwart. In der Vorlesung werden Lebenswerke jüdischer Autoren und Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts dargestellt, wobei der Aspekt von Heimatverlust und Fremde besondere Beachtung findet. Es werden weniger bekannte Persönlichkeiten wie der Philosoph Paul Ludwig Landsberg sowie bekannte Namen wie die Dichterin Nelly Sachs vorgestellt.


Hauptseminar
Abraham, Isaak und Sara. Genesis 22 (1 Mose 22) in der Exegese, Philosophie, Liturgie und Kunst von Judentum und Christentum

Die Geschichte von Abrahams und Isaaks Opfergang hat immer wieder Gelehrte, Künstler und Dichterinnen in ihren Bann gezogen. Kierkegaard las Genesis 22 mit „Furcht und Zittern“. Kafka rang mit dem Sarkasmus der Erzählung. Immer wieder versuchten Denker das Paradox dieses Kapitels zu ergründen. Die „Bindung Isaaks“ (aqedat Jishaq), wie sie in der jüdischen Tradition bezeichnet wird, zählt zu den zentralen Vorstellungskomplexen der jüdischen Religion. Aus dieser Sicht treten sowohl Abraham und Isaak als auch Sara in den Mittelpunkt des Geschehens. Das Seminar behandelt die reiche Deutungs- und Wirkungsgeschichte von Genesis 22 in der rabbinischen Exegese, in der feministischen Auslegung, in der Philosophie und in der jüdischen Liturgie sowie in den Bildern von Rembrandt, Chagall und in den Werken des israelischen Malers und Bildhauers Menashe Kadishman. Wintersemester 2006/2007

Hauptvorlesung
Judentum – Christentum. Ein Bindestrich?

In der Geschichte bildeten Judentum und Christentum ein kulturelles Paar in guten und in schlechten Zeiten der Koexistenz. Die beidseitigen Beeinflussungen zwischen Judentum und Christentum werden in verschiedenen Epochen beleuchtet. Zugleich wird der lange Weg zum interreligiösen Dialog in Neuzeit und Moderne beschrieben.
In den ersten Jahren der Dialogbewegung wurde vor allem das Verbindende zwischen beiden Religionen betont, um jenen "Graben der Geschichte" zu überbrücken und sich auf das gemeinsame biblische Erbe zu besinnen. Heute hat sich eine neue Perspektive durchgesetzt, welche Judentum und Christentum als "Konfrontationskulturen" wahrnimmt. Ihr Verhältnis ist bestimmt durch eine "intensive Doppelbeziehung von Faszination und Aversion, von Anziehung und Abstossung" (Amos Funkenstein). Der Bindestrich des jüdisch-christlichen Gesprächs, der allzu oft wie ein Gleichheitszeichen gesetzt wird, ist kritisch zu befragen. Dieser ambivalenten Beziehung zwischen Judentum und Christentum muss das interreligiöse Gespräch Rechnung tragen, indem es nicht nur religiöse Gemeinsamkeiten, sondern auch theologische Unterschiede herausstellt.



Hauptseminar
Mose: Prophet, Lehrer und Befreier. Seine Bedeutung in der jüdischen Geschichte, Religion und Kultur

In der Thora zeigt sich eine Entwicklung der Mose-Vorstellungen vom Jahwe-Boten, charismatisch-politischen Volksführer, Wundertäter, Propheten und Gesetzgeber bis zum Offenbarungsmittler und Gesprächspartner Gottes. Das Bild, das die Rabbinen im talmudischen Schrifttum von Mose zeichnen, ist vielfältig. Er ist "Mosche rabbenu", unser Rabbi, Meister und Lehrer, der Thoralehrer Israels schlechthin, der nicht nur die Zehn Gebote brachte, sondern die gesamte, mündliche wie schriftliche Lehre; er ist Mittler zwischen Gott und Mensch und der "Vater der Propheten". Das neuzeitliche Judentum verehrt Mose als Religionsstifter, Begründer des "mosaischen Glaubens" und religiöses Leitbild für den klassischen Zionismus. Für Theodor Herzl wie für Sigmund Freud wurde Mose zur zentralen Figur im Ringen um ihre jüdische Identität. Mit der Faszination des Mose und der Problematik des Bilderverbots setzte sich Arnold Schönberg in seiner Oper "Moses und Aron" auseinander. Das Seminar behandelt die Faszination der Mose-Gestalt in der jüdischen Religions- und Kulturgeschichte und beleuchtet verschiedene Mose-Bilder in der jüdischen Schrifttradition, im Zionismus, in der Musik, Malerei und Bildhauerei, in der Filmgeschichte und der Psychoanalyse.

Sommersemester 2006

Hauptvorlesung
"Hiob, unser Vorfahr. Hiob, unser Zeitgenosse." (E. Wiesel)
Die Frage nach Gott und dem Leiden im Judentum


Hiob ist eine Symbolfigur des Leidens. Er ist der exemplarische Mensch, der existentiell mit der Theodizee ringt, der Frage nach dem Leiden der Unschuldigen und der Gerechtigkeit Gottes. Als archetypische Krisengestalt wurde Hiob zu "unserem Zeitgenossen".
Von der jüdischen Antike bis zur Moderne erscheint Hiob als Exponent des Leidens. Im Schatten der Schoa wurde er zur Symbolfigur des jüdischen Volkes. Die Vorlesung verfolgt die jüdischen Hiob-Interpretationen über die Jahrhunderte bis zur Gegenwart.



Hauptseminar
Erinnern und Erzählen. Jüdische Gedächtniskultur im Spiegel der Geschichte, Religion und Kunst

Das Judentum ist eine Gedächtniskultur. Erinnerung wurde zum Lebensnerv des jüdischen Volkes und zum Leitfaden jüdischer Geschichtsschreibung. Zachor! Erinnere Dich! ist der ethische Imperativ des alten wie des modernen Israel. Eine der wichtigsten Verbündeten des Erinnerns ist das Erzählen; das gilt für die biblischen Erzählungen, für die Haggadah wie für die Oral History. Im Seminar werden die Fragen behandelt, wie Geschichte gedeutet und Erinnerung bewahrt wird in der biblischen und der rabbinischen Literatur, in der Liturgie, der Geschichtsschreibung, in der Augenzeugen-Literatur und in der Kunst. Ferner wird der Umgang mit Vergangenheit im Staat Israel und in den Geschichtsdebatten der Gegenwart erörtert. Wintersemester 2005/2006

Hauptvorlesung
Judentum und deutsche Kultur. Zeugnisse einer tragischen Begegnung

"Die Juden fielen den antisemitischen Verbrechen in dem Augenblick zum Opfer, als sie ihren bisher grössten Beitrag an die deutsche Kultur geleistet hatten" (Walter Muschg). Die Vorlesung beschreibt den Weg des aschkenasischen Judentums vom Ghetto in die bürgerliche Gesellschaft, behandelt die Thematik von Emanzipation, Assimilation und Dissimilation an Hand der Familiengeschichte der Mendelssohns über fünf Generationen und erörtert die Problematik der sog. deutsch-jüdischen Kultursymbiose am Beispiel bestimmter Autoren wie Salomon Maimon, Jakob Wassermann, Gershom Scholem, Elazar Benyoëtz, Micha Brumlik u. a. Zeugnisse der Begegnung zwischen dem Judentum und der deutschen Kultur werden gesichtet in der expressionistischen Literatur und im Berlin der Zwanziger Jahre, in der deutschsprachigen Literatur im Exil und nach der Shoah sowie im Kulturschaffen der "Jekkes", der deutsch schreibenden Schriftsteller und Dichterinnen in Palästina/Israel.



Hauptseminar
Jesus, Paulus und Maria aus jüdischer Sicht

In der jüdischen Geschichte wurde Jesus von Nazareth über die Jahrhunderte sehr unterschiedlich gedeutet: als Zauberer und Volksverführer, als Prophet oder Rabbi, als pharisäischer Jude, Thoralehrer und Vorbild hoher Sittlichkeit, sogar als grosser Glaubensbruder. Während in der früheren jüdischen Paulus-Forschung der Völkerapostel eher als Ketzer, Apostat und Stifter des Christentums gesehen wurde, erfährt er heute zunehmend eine positive Würdigung als eine wichtige Figur der jüdischen Religionsgeschichte. Auch Maria, die Mutter Jesu, wird von jüdischen Autoren des 20. Jahrhunderts als die Jüdin Mirjam im jüdischen Kontext wieder entdeckt, mit den grossen jüdischen Frauengestalten der Bibel verglichen und in ihren frauenemanzipatorischen Zügen wahrgenommen. In den jüdischen Perspektiven auf die drei zentralen Glaubensgestalten des Christentums zeichnet sich ein geschichtlicher Wandel und Paradigmenwechsel von polemisch-apologetischer Abgrenzung zur jüdisch-christlichen Verständigung ab.

Wintersemester 2004/2005

Hauptvorlesung
Jüdisches Denken im 20. Jahrhundert. Ethik, Mystik, Philosophie und Theologie des Judentums

In der Vorlesung werden die Entstehung der Wissenschaft des Judentums und der Erforschung der jüdischen Mystik dargestellt. Die wesentlichen Strömungen jüdischen Denkens im 20. Jahrhundert, die Auseinandersetzungen zwischen Orthodoxie und Reformjudentum und die Frage nach jüdischer Theologie werden erörtert. Sowohl bekannte als auch vergessene Autoren kommen dabei zu Wort, von Hermann Cohen, Gershom Scholem, Emmanuel Lévinas, Abraham J. Heschel bis zu Moritz Lazarus und Oskar Goldberg.



Hauptseminar
Martin Buber (1878-1965). Werk und Wirkung

Martin Buber gilt als repräsentativer Denker des Judentums im 20. Jahrhundert, als Vertreter der modernen dialogischen Philosophie und als Wegbereiter der jüdisch-christlichen Forschung. Er war Religionsphilosoph, Exeget, Philologe, Übersetzer der Hebräischen Bibel, Pädagoge, Kulturpolitiker, Schriftsteller und Entdecker des Chassidismus für die westliche Welt. Im Mittelpunkt des Seminars stehen Bubers Schriften zur Philosophie und zum Chassidismus.

Sommersemester 2004

Einleitungsvorlesung
Einleitung Judaistik: Judentum – das "unbekannte Heiligtum"

Das Judentum entzieht sich in seinem geschichtlichen Wandel, seiner geographischen Streuung, seinem kulturellen Reichtum und seiner religiösen Vielfalt jeder starren Definition. Die Vorlesung will diese Vielschichtigkeit der jüdischen Religion und Kultur vermitteln. Zugleich zeigt sie die Einheit der jüdischen Tradition auf, indem sie in die grundlegenden Glaubenslehren des Judentums einführt.



Hauptvorlesung
Zachor! Erinnere dich! Jüdische Gedächtniskultur im Spiegel der Geschichte, Religion und Kunst

Das Judentum ist eine Gedächtniskultur. Zachor! Erinnere dich! ist der ethische Imperativ des alten wie des modernen Israel. Die Vorlesung behandelt unter anderem die Fragen, wie Erinnerung bewahrt wird in der biblischen und der rabbinischen Literatur, in der Liturgie, der Geschichtsschreibung und der Kunst des Judentums. Ferner wird der Umgang mit Vergangenheit im Staat Israel und in den Geschichtsdebatten der Gegenwart erörtert.



Wintersemester 2003/2004

Hauptvorlesung
Judentum - Christentum: Geschwisterreligionen? Jüdische Geschichte von der Antike bis zur Moderne



Hauptseminar
Zeitgenössische jüdische Philosophie in Frankreich: Emmanuel Lévinas und Edmond Jabès


Sommersemester 2003

Einleitungsvorlesung
Einleitung Judaistik: Judentum und Judentümer. Einheit und Vielfalt der jüdischen Religion und Kultur



Hauptvorlesung
Jüdische Gleichberechtigung und Frauen-Emanzipation



Hauptseminar
Schalom Ben-Chorin (1913-1999): Wirken und Werk




Wintersemester 2002/2003

Hauptvorlesung
Der Einfluss der Shoah auf Denken, Glauben und Schreiben im Judentum und Christentum



Hauptseminar
Jüdisch-christliche Begegnung in Neuzeit und Moderne Sommersemester 2002

Einleitungsvorlesung
Einleitung Judaistik: Judentum - das "unbekannte Heiligtum"



Hauptvorlesung
Das Opfer von Abraham, Isaak und Sara (1 Mose 22) in der Exegese, Philosophie, Liturgie und Kunst von Judentum und Christentum



Hauptseminar
Zachor! Erinnere Dich! Gedächtnis und Erinnerung im Judentum



Wintersemester 2001/2002

Hauptvorlesung
Die theologischen Beziehungen zwischen Judentum und Christentum. Geschichte, Themen, Perspektiven



Hauptseminar
Jüdische Ethik