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Neun Minuten. Wieder an der frischen Luft geht es im zügigen Schritt über den Frohburgsteg, die Passerelle über den Bahngeleisen. Links steht der Pilatus in seiner graublau getönten Pracht, rechts fällt der Blick kurz auf den sanft gewellten See. Nach neun Minuten sind wir an der Zentralstrasse 9, beim Haupteingang zur Hochschule für Wirtschaft (HSW), und werden von Adrian Lobsiger begrüsst. Er ist Kursleiter des Nationalen Nachdiplom-studiums zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität. Es ist kurz nach acht und der Lift gut belegt. Im Zimmer Xian - die Schulräume der HSW sind nach der Seidenstrasse benannt - erwartet uns Strafrechtsprofessor Jürg-Beat Ackermann, der Lobsiger bei der Entwicklung und Realisierung des Lehrgangs als "Fachrat" unterstützt. Ackermann bringt das Thema sofort auf den Punkt. Für einen Unidozenten, der sich auf ein Nachdiplomstudium für Praktiker an einer Fachhochschule einlasse, sei dies ein heikles Unterfangen. "Man läuft Gefahr, von beiden Seiten nicht ernst genommen zu werden", sagt Ackermann unverblümt. "Denn man riskiert, von Seiten der Praktiker als Theoretiker belächelt und von Seiten der Universität als unwissen-schaftlich disqualifiziert zu werden." Doch sei es dringend nötig, dass sich Wissenschafter und Praktiker nicht aus dem Weg gingen, sagt Ackermann, der selber während vier Jahren als Untersuchungsrichter tätig war. "Ich habe jedenfalls meine Lust auf Praxis nicht verloren."
Das Nachdiplomstudium zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität, ein nationales Gemeinschaftsprojekt mit der Haute école de gestion in Neuenburg unter der Schirmherrschaft der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren, versteht sich denn auch als Forum der Praxis für die Praxis. Die Studenten, zwischen 30 und 55 Jahre alt, absolvieren eine berufsbegleitende Ausbildung. Sie dauert drei Semester und umfasst 900 Lektionen. Unter den Studenten sind Strafverfolger und Polizisten wie der Kripochef von Zug, Rechtsanwälte, Treuhänder und Revisoren. "Das Konzept beruht auf dem Austausch von Praktikern" sagt Kursleiter Lobsiger. "Wenn ein Teilnehmer, der 20 Jahre in den USA als Revisor gearbeitet hat, aus der Praxis erzählt, bin ich der Schüler, der vom Praktiker profitiert."
Adrian Lobsiger, der beim Bundesamt für Polizei die Zentralstelle für das organisierte Verbrechen leitete (und heute im Teilpensum dessen Rechtsdienst führt) kommt aus Bern, Jürg-Beat Ackermann, früher Untersuchungsrichter, dann Oberassistent an der Universität Zürich, aus Winterthur. Sie liessen sich nicht wegen Kapellbrücke und Pilatus nach Luzern verpflichten.
Die beiden Experten unterrichten in Luzern, weil sie hier ein neues Modell für die interdisziplinäre Zusammenarbeit erproben können. "Für mich als Wissenschafter ist das ein interessanter Versuch, um Theorie und Praxis miteinander zu verknüpfen", sagt der Strafrechtsprofessor. "Das ist ein nationales Experiment", ergänzt Adrian Lobsiger, "denn das neue Nachdiplomstudium muss sich durch Professionalität und Originalität erst noch eine eigene Identität schaffen."
Die zwei Professoren, hoch motiviert und ambitioniert, sehen den Hochschulplatz Luzern als Sprungbrett, um in der Bildung neue Horizonte zu eröffnen. Das zeigt sich auch bei der neu gegründeten Rechtsfakultät. Gründungsdekan Paul Richli, der ehemalige Vizerektor der Basler Universität, nutzt die Übersichtlichkeit in Luzern, um einen zukunfts-gerichteten Studienbetrieb aufzubauen. Während andernorts 110 Studenten auf einen Professor fallen, sind es in Luzern nur deren 60. So können sich die Professoren auch tatsächlich um die Studierenden kümmern. Kein Wunder haben sich doppelt so viele Frauen und Männer als erwartet für das erste Semester immatrikuliert. Das neue Gelände ist auch attraktiv für junge Professorinnen und Professoren; das Durchschnittsalter an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät dürfte deutlich unter 50 Jahren liegen. "Luzern und sein Campus können sich gesamtschweizerisch nur behaupten, wenn sie die besten Lehrkräfte gewinnen", sagt Adrian Lobsiger.
Luzern hat die einmalige Chance, eine integrierte Hochschullandschaft aufzubauen. "Das Projekt Campus Luzern ist von eminenter strategischer Bedeutung", sagt Markus Hodel. Die einzelnen Hochschulen seien für sich zu klein, um eine überregionale und wenn möglich internationale Anziehungskraft zu erreichen. Und weil Interdisziplinarität ohnehin ein wissenschaftliches Gebot der Zeit sei, habe der Campus Luzern die Chance wahrzunehmen, dem Studien-, Forschungs- und Denkplatz Luzern eine deutlich wahrnehmbare, institutionsübergreifende Identität zu verleihen und so seine Kernkompetenzen zu entwickeln. Anders gesagt: Der Campus Luzern wird sich als Hochschulstandort einen Namen schaffen, wenn es gelingt, die Zusammenarbeit der verschiedenen Bildungsstätten zu institutionalisieren - und Interdisziplinarität und Innovationsfähigkeit zum gemeinsamen Markenzeichen zu machen. "Nur wenn Universität und Fachhochschulen die Berührungsängste verlieren und wirklich bereit sind für die Zusammenarbeit, wird das gelingen", sagt Markus Hodel.
Quelle: Bühlmann/Hofstetter/Mürner, Porträts Kanton Luzern. Öffentlicher Raum (2002), Seite 38
